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Раздел газеты «НОВЫЕ ЗЕМЛЯКИ» -
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LITERATURWETTBEWERB
 
Kürzlich ist in Moskau der vom Internationalen Verband der deutschen Kultur veranstaltete Literaturwettbewerb „Ein Haus der Russlanddeutschen“ zu Ende gegangen. In zwei Kategorien („Ort der Begegnungen. Erzählung“ und „Wohnort. Schwank“) wurden die besten Einsendungen in russischer und deutscher Sprache gekürt. Die ersten drei Plätze haben Oleg Kling, (Russland), Carola Jürchott (Deutschland) und Wassili Geronimus (Russland) belegt.
Auf die Shortlist der Finalisten hat es unter anderem eine russischsprachige Erzählung von Agnes Gossen geschafft. Allen Teilnehmern wurde für ihren Beitrag zur Entwicklung der Kultur der Russlanddeutschen gedankt.
Hier möchten wir Ihnen die preisgekrönte deutschsprachige Erzählung von Carola Jürchott vorstellen.
 
 
„Ist das heute ein Stress! Dass uns das Wetter aber auch immer wieder einen Strich durch die Rechnung machen muss! Ich möchte bloß mal wissen, wer auf die Idee gekommen ist, diese Messe ausgerechnet im Januar zu veranstalten! Jedes Jahr diese Probleme mit den Flügen!“ Die Regisseurin des großen Abschlusskonzerts mit den russischen Künstlern verschwand ebenso schnell, wie sie gekommen war.
Es war aber auch ein Elend mit dem Flugwetter! Die Tänzer hatten es gerade noch geschafft, Moskau vor dem großen Schneesturm zu verlassen, dafür war das Wetter in Berlin so schlecht gewesen, dass ihr Flug nach Leipzig umgeleitet worden war. Zum Glück hatte es inzwischen etwas aufgeklart, sodass der Zug von Leipzig nach Berlin möglicherweise sogar pünktlich sein würde. Ganz anders sah es mit den Sängern aus. Sie hätten etwas später aus Moskau losfliegen sollen, aber nun waren dort alle Flughäfen gesperrt, und niemand wusste, ob es alle Mitwirkenden noch schaffen würden, rechtzeitig zum Konzert in Berlin zu sein.
Constanze stand allein zwischen den Falten des Vorhangs und sah verstohlen von der Bühne hinunter in den Großen Saal. Noch war er fast leer. Hier und da saßen einige deutsche Tänzer, die sich die Darbietungen der russischen Ensembles bei der Durchlaufprobe ansehen wollten, und nur in der den Technikern vorbehaltenen Loge im hinteren Bereich des Saales war ein schwaches Licht zu erkennen. Eigentlich hatte sie sich diesen Tag ganz anders vorgestellt. Die Sänger hätten längst hier sein müssen. Würde er sie nach all den Jahren wiedererkennen? Hatte er ihrem Treffen damals überhaupt so eine große Bedeutung beigemessen, dass er sich noch daran erinnerte? Was, wenn nun alle Flüge storniert würden und das Konzert abgesagt werden müsste?
„Warum interessiert dich das so? Du hast doch nicht die ganze Verantwortung für all das hier. Du bekommst dein Geld doch sowieso, ob du das Konzert nun moderierst oder nicht!“
Natürlich, die Regisseurin konnte ihr keine andere Antwort geben, schließlich hatte sie keine Ahnung davon, dass dieses Konzert für Constanze nicht eines von vielen war. Warum es etwas Besonderes hätte werden können, hatte sie niemandem erzählt.
Nun aber spürte sie den schweren Vorhangstoff an ihren Händen und bemerkte nicht einmal, wie ihre Gedanken abschweiften. Wie oft hatte sie in ihrem Leben schon auf dieser Bühne gestanden? Sie konnte es nicht sagen. Irgendwann hatte sie aufgehört, derartige Ereignisse zu zählen. Dafür erinnerte sie sich umso besser daran, wie alles angefangen hatte.
Sie war noch ziemlich klein gewesen, noch nicht einmal ein Teenager, als ihre Mutter ihr erzählte, dass aus der Baugrube, die sich anstelle der kleinen Grünfläche an der Straßenecke auf einmal auftat, dieses Haus entstehen würde, ein russisches Haus mitten in Berlin. Für Constanze klang das fast zu schön, um wahr zu sein. Sie hatte schon einige Jahre Russisch gelernt und war sich sicher, dass diese Sprache sie auch weiterhin in irgendeiner Form begleiten würde, obwohl sie noch nie in dem Land gewesen war, in dem man sie sprach. Es war ja auch wirklich sehr weit entfernt! Doch jetzt sah alles anders aus: Sie würde nur noch wenige Jahre warten müssen, und dann konnte sie in ihrer eigenen Heimatstadt in die Atmosphäre dieses Landes eintauchen, so oft sie nur wollte. Sie würde dafür keinen Zug oder gar ein Flugzeug besteigen müssen, sondern konnte sich einfach mit ihrer Schüler-Monatskarte in die U-Bahn setzen und wäre eine halbe Stunde später schon an Ort und Stelle. Was für eine Aussicht!
„Hat jemand die Kostüme für den Kasatschok gesehen? Meine Güte, geht denn heute alles drunter und drüber?“
Jäh hatte die Regisseurin Constanze aus ihren Gedanken gerissen, doch sie konnte nur mit den Achseln zucken und hoffen, dass auch dieser Aufschrei sich als Sturm im Wasserglas entpuppen würde.
...War das ein Gefühl gewesen, als das Haus dann endlich stand! Wieder waren einige Jahre ins Land gegangen, Constanze war selbstständiger geworden, und das Russische hatte für sie eine immer größere Bedeutung gewonnen. Nie hätte sie sich vorher träumen lassen, dass sie in diesem neuen Haus einmal all ihren Hobbys nachgehen können würde, doch nach und nach wurde ihr das Gebäude immer vertrauter. Was gab es da nicht alles zu sehen! Die Buchhandlung, die Constanze geradezu magisch anzog, das Restaurant „Wolga“, das nur etwas für besondere Anlässe war, und auf der anderen Seite das Bistro. Diesen Begriff hatte Constanze hier zum allerersten Mal in ihrem Leben gehört und sich darüber gewundert, dass es in diesem Haus einen Imbiss mit einem französischen Namen gab. Dass die Bezeichnung ursprünglich dem Russischen entlehnt worden war, sollte sie erst viel später erfahren. Immerhin hatte sie hier ihren ersten Toast Hawaii gegessen, auch wenn sie sich nun beim besten Willen nicht mehr daran erinnern konnte, ob er damals schon so genannt wurde.
Wie hatte sie später in den oberen Etagen vor Prüfungskommissionen gezittert und dann im Kleinen und im Großen Saal gebangt, wenn die Ergebnisse der Russisch-Olympiaden verkündet wurden. Hier hatte sie Erfolge und Misserfolge erlebt, und das Sprachenzentrum in der 5. Etage war ihr während der intensiven Vorbereitung regelrecht ans Herz gewachsen. Auch das Russische war ihr zwar noch immer nicht ganz so vertraut wie ihre deutsche Muttersprache, aber der Weg dahin, dass eine Moskauer Freundin es Jahrzehnte später als ihre „Adoptivsprache“ bezeichnen sollte, hatte bereits begonnen.
Hier hatte sie gute Freunde gefunden, von denen einige zum Glück noch immer ihr Leben bereicherten.
Nanu, die Probe der Tänzer war doch schon vorbei und die Sänger noch nicht angekommen? Dennoch schien es Constanze, als hörte sie von fern das Lied vom Schwälbchen:
„Noch ist Winterszeit, überall liegt Schnee …“
Na, das passte ja bestens zu diesem Wetter! War es ihr deshalb in den Sinn gekommen?
„Der Wetterbericht für Moskau sieht immer noch nicht besser aus. Wenn ich nur wüsste, was ich machen soll! Zur Not müssen wir die Generalprobe absagen und hoffen, dass zum eigentlichen Konzert alle da sind!“
Wieder war die Regisseurin wie ein Wirbelwird auf die Bühne gekommen und genauso flink in die dahinter liegenden Räumlichkeiten entwischt. Constanze sah ihr verwirrt hinterher. Ach ja, das Schwälbchen! Natürlich! Jetzt fiel es ihr wieder ein. In diesem Saal hatte sie das Lied zum ersten Mal gehört. Eine Freundin war Mitglied eines Gesangs- und Tanzensembles gewesen, das Lieder aus aller Welt sang, und hatte sie zu einem Konzert eingeladen. Da sie schon immer ein Faible für Musik gehabt hatte, war sie natürlich hingegangen und hatte bei der Anmoderation noch gedacht, wie passend es doch war, dass ausgerechnet ein Mann namens Krylatow die Musik zu diesem Lied geschrieben hatte, wo doch „krylo“ auf Russisch „Flügel“ bedeutete. Später hatte Constanze selbst hier auf der Bühne gestanden, als sie einen Moskauer Kinderchor bei seinem Aufenthalt in Berlin begleitete und unter anderem auch das Lied vom Schwälbchen anzusagen hatte.
Zu diesem Zeitpunkt war das Russische Haus ihr schon sehr vertraut gewesen. Sie hatte in einer russischsprachigen Theatergruppe mitgewirkt und war für diese Möglichkeit von Herzen dankbar gewesen. Nur zu gut erinnerte sie sich noch an ein Puschkin-Programm, bei dem die wichtigsten Monologe aus „Eugen Onegin“ zu den Klängen des Klavierauszugs der Oper von Tschaikowski rezitiert wurden.
„Onegin, als ich jung an Jahren …“
Diese Verse konnte sie noch immer auswendig und musste feststellen, dass sie inzwischen besser zu ihr passten als damals. Hatte die Begegnung, die ihr nicht mehr aus dem Kopf ging, vielleicht Ähnlichkeit mit jener von Eugen und Tatjana gehabt? Oh nein, das wäre nun doch zu weit hergeholt gewesen!
Constanze nahm ihr Handy aus der Tasche und betrachtete die Wetter-App.
„Der Sturm über Moskau legt sich langsam.“
Vielleicht bestand ja doch noch Hoffnung?! Hatte die Regisseurin sie vielleicht mit ihrer Nervosität schon angesteckt? Wahrscheinlich, wenn es auch einen völlig anderen Grund dafür gab! Wie viele Jahre waren eigentlich seit damals vergangen?
‚Constanze, wach auf! Es sind keine Jahre, es sind Jahrzehnte!‘, rief sie sich selbst in Gedanken zur Ordnung. ‚Du weißt noch nicht einmal, ob er sich an dich erinnert! Was ist denn schon ein Interview? Davon gibt er jährlich Hunderte! Ja, er hat dich angelächelt, und das Interview hat bedeutend länger gedauert als eigentlich geplant, aber das war es auch. Wenn er gewollt hätte, hätte er sich später bei dir gemeldet. Er wusste schließlich, wie er dich erreichen kann, nachdem du ihm den Text zum Autorisieren geschickt hattest.‘
Das alles war nicht von der Hand zu weisen, die Stimme der Vernunft in ihrem Kopf hatte wieder einmal recht.
Wer hätte überhaupt jemals gedacht, dass sie hier einmal Interviews mit bekannten Künstlern führen würde? Zunächst hatte es gar nicht danach ausgesehen. Constanze hatte gedolmetscht, durch Programme geführt, Gästen anschließend die Stadt gezeigt und hier und da eine Übersetzung angefertigt, die für die Werbung benötigt wurde. Dass sie schon immer gern geschrieben hatte, war dabei in den Hintergrund getreten und hatte jahrelang niemanden interessiert. Wenn sie ehrlich war, nicht einmal sie selbst.
Bis sie hier eines Tages die Chefredakteurin der Zeitschrift wiedergetroffen hatte, für die sie schon als Schülerin ab und zu geschrieben hatte. Eigentlich war es nur ein Jubiläumstreffen der Schülerredaktion gewesen, aber Constanze war dabei klar geworden, wie sehr ihr das Schreiben in all den Jahren gefehlt hatte. Danach hatte es nicht lange gedauert, bis sie wieder zu Konzerten und anderen Veranstaltungen geschickt wurde, um ihre Interviews zu führen oder zumindest ihre Eindrücke des jeweiligen Abends festzuhalten. So reichte die Zeit bei dem großen Dichter nur für ein Autogramm mit einem kurzen Gruß an die Leser der Zeitschrift, während der Sänger, dessen Musik nun schon Generationen begleitete, geduldig ihre Fragen beantwortet hatte. Dabei hatte Constanze nie einen Presseausweis oder sonst eine Legitimation vorweisen können, aber es hatte auch nie jemand danach gefragt. Auch damals nicht …
Wie mochte es ihm wohl ergangen sein? Viel hatte sie in den Zeitungen und Zeitschriften nicht über seinen weiteren Lebensweg in Erfahrung bringen können. Sicher, damals gab es noch kein Internet, doch auch danach war es eine Weile lang eher still um ihn geworden. Es waren raue Zeiten gewesen, die zwischen dem Gespräch von damals und diesem Konzert lagen.
Constanze konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie immer wieder hierhergekommen war, um sich Filme anzusehen, die kein anderes Kino zeigen durfte. Das war auch schon sehr lange her, doch gute Filme wurden hier immer noch vorgeführt, auch wenn das Haus inzwischen ein anderes war. Das Restaurant und das Bistro waren noblen Geschäften gewichen, ab und an fanden im Foyer und vor dem Großen Saal Messen und andere Ausstellungen statt, und dennoch trafen sich hier nach wie vor Gleichgesinnte, die eine enge Beziehung zu Russland hatten und diese pflegen wollten.
„Wenn dein Freund nicht als Freund sich erweist …“
Ja, auch dieses Lied war hier oft erklungen, und zum Glück sang man es heute noch. Irgendwann hatte Constanze angefangen, auch ihre Familie mit in das Russische Haus zu bringen, erst ihren Mann, später auch die Kinder. Sie hatten hier das Krokodil Gena und Tscheburaschka kennengelernt, ihre ersten Puschkin-Märchen gehört und der Leiterin des Sprachenzentrums das „Rübchen“ vorgespielt. Wie schön, dass sie so vieles von dem weitergeben konnte, was ihr selbst wichtig war!
„Gott sei Dank, die Flughafensperre ist aufgehoben! Unsere Sänger sind gerade in Moskau gestartet!“
Die Regisseurin kam auf die Bühne gestürmt und wirbelte Constanze vor Freude mit herum. Das Konzert konnte also stattfinden. Nun musste sie sich auch beeilen. Sie musste ihre Texte noch einmal durchgehen, die Tänzer fragen, ob sie keine Information zu den einzelnen Tänzen vergessen hatte, und dann noch einmal tief durchatmen, um des Lampenfiebers Herr zu werden, das nun doch in ihr aufzusteigen begann.
Wenige Stunden später stand sie in ihrem neuen Abendkleid hinter der Bühne, sah dem ersten Auftritt der Tänzer zu und bemerkte, wie die Sänger, die gerade vom Flughafen gekommen waren, in ihre Garderoben hasteten. In diesem Moment tippte ihr jemand auf die Schulter:
„Wer hätte das gedacht? Schön, dass wir uns nach dieser langen Zeit endlich einmal wiedersehen!“
 
Anmerkung: Deutsche Version des Onegin-Zitats - Theodor Commichau, Bearbeitung -Konrad Schmidt.
Deutsche Version des „Liedes über den Freund” - Tino Eisbrenner.
 
Carola Jürchott
Foto: Carola Jürchott
 
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